Archiv der Kategorie: Thoughts

Projekt Pi

schon vor längerer Zeit bin ich beim Schlendern durch die Netzwelt auf folgendes gestoßen: Ted Bull Stratos

stratos

Ein geniales Projekt mit dem Ziel, mit einem Plüschbären – der auf den Namen Babbage hört – den höchsten Fallschirmsprung der Welt hinzulegen. Wer kann zu so etwas nein sagen, weil erstens ein Teddy der Held ist, der auch noch zweitens deutlich sympathischer als der Herr Baumgartner ist 😉 . So weit, so bekannt.
Womit die Sache aber spannend wird: Babbage ist ein echter Rechenkünstler, wird er ja durch einen Raspberry Pi angetrieben. Und spätestens jetzt stellen sich den Meisten zwei Fragen:

  1. Was ist ein Raspberry Pi?
  2. Was haben fallschirmspringende Bären mit Geographie zu tun?

Zunächst zur Frage 1:
Laut Wikipedia ein „kreditkartengroßer Einplatinencomputer [… mit dem Ziel] jungen Menschen den Erwerb von Programmier- und Hardwarekenntnissen zu erleichtern“.

pi

Also ein kleines Bastelprojekt, für das weltweit nach kreativen Einsatzmöglichkeiten gesucht wird. Einen ersten Überblick auf die bisherigen Projekte kann man hier gewinnen:

Hardwareseitig ist das Angebot mittlerweile sehr weitläufig: Von einem 5 MP Kameramodul (Echtfarben & Infrarot) bis GPS reicht hier die Angebotspalette. Ein guter Überblick findet sich hier:

Softwareseitig präsentiert sich das gleiche Bild: Linux-basierte Software in Hülle und Fülle. Auch hier ein kleiner Überblick unter:

Und damit landen wir bei Frage 2:
Was könnte das alles mit Geographie zu tun haben?

Zunächst einmal: Das ist ein gute Frage. So gut, dass ich sie gerne an die Runde weitergeben möchte. Konkret: Ich würde mich freuen, wenn als Antwort auf diesen Blog-Beitrag möglichen Anwendungen eines (oder mehrerer) Raspberry Pis in der Geographie eintrudeln würden. Beiträge können sich thematisch auf eine human- und/oder physiogeographische Anwendung beziehen. Bitte führt dabei auch kurz die Frage aus, welche ihr versucht mit dieser Gerätschaft zu lösen.

Sollte diese Diskussion einige umsetzbare Ideen zu Tage fördern, würde ich zwei Dinge versuchen:

  1. Die entsprechende Hardware am Institut für Geographie anzuschaffen.
  2. im Zuge einer Lehrveranstaltung oder Abschlussarbeit ein konkretes Projekt umzusetzen.

Bis es aber so weit ist, wünsche ich uns allen ein anregendes Ideensammeln. Als kleine Unterstützung dazu noch ein paar Links zum Einstieg ins Thema:

Einige Gedanken über Definition und Untersuchung von Planungskulturen

Im Folgenden einige Gedanken zur Konzeption einer “Planungskultur” und ihrer empirischen Untersuchung. Diese Gedanken schließen an die Diskussionen über Planungskulturen an, welche im Journal “Planung Neu Denken” von diversen Autoren geführt wurden. Im Zentrum meiner Überlegungen steht dabei ein Entwurf zur  methodologischen Erschließung einer Planungskultur.

Setzung 1: Planungskultur als in einem bestimmten Zeitraum nach identen Regelmäßigkeiten durchgeführte “co-ordinated management of meaning” (HALL, 1992; = Aspekt der “Kultur”) innerhalb eines Themenbereichs räumlicher Planung (=Aspekt der Planung).

Diese Setzung unterstellt, dass es keine umfassende Planungskultur geben kann, welche räumliche Planung losgelöst von Themen beschreiben kann. Zusätzlich überschreitet die Auslegung von Kultur nach HALL (1992) den Umfang bisheriger, oftmals stark an formellen Instrumenten und Kompetenzfestlegungen orientierten Kategorisierungsansätze.

Setzung 2: Aufbauend auf Setzung 1 kann Planungskultur als “shared set of social values and norms” innerhalb eines Themenbereichs räumlicher Planung verstanden werden. Dieses shared set erfüllt somit die Funktion einer Rahmung.

„Framing is a way of selecting, organizing, interpreting, and making sense of a complex reality to provide guideposts for knowing, analyzing, persuading and acting.”
(REIN und SCHÖN, 1993:146)

Versteht man Rahmungen im Sinne von REIN und SCHÖN als geronnenes “co-ordinated management of meaning”, so sollte folgende Setzung möglich sein:

Setzung 3: Diskursanalyse stellt einen methodologischen Zugang zur empirischen Untersuchung von Rahmungen und damit auch von Planungskulturen dar.

Diskurs kann in der Tradition von Foucault als  ein „kollektive[s…] Gedächtnis an Werten, Normen, Codes, Regeln und Interpretationsmustern“ (IBERT, 2008:7). Oder mit den Worten von HAJER (2005:300) als “ensemble of ideas, concepts, and categories through which meaning is given to social and physical phenomena, and which is produced and reproduced through an identifiable set of practices”. Dieses letztgenannte identifizierbare Set von Praktiken ist es, welches Foucault im Rahmen von Diskursanalysen versucht als “Formationsregeln” zu rekonstruieren. Diskursanlyse ermöglicht es also, die epistemische Mechanik einer Planungskultur (vgl. Setzung 1)  ex post zu rekonstruieren.

Stoff:

  • HAJER, M. A. (2005): Coalitions, Practices, and Meaning in Environmental Politics: From Acid Rain to BSE. In: HOWARTH, D. und TORFING, J. (Hrsg.): Discourse Theory in European Politics – Identity, Policy and Governance. Palgrave Macmillan, Basingstoke – New York, S. 297-315.
  • HALL, B. (1992): Theories of Culture and Communication. Communication Theory, 2(1): S. 50-70. http://dx.doi.org/10.1111/j.1468-2885.1992.tb00028.x
  • IBERT, O. (2008): Umfrage zur Planungkultur. In: PNDonline. Bd. III(2007), S. 7-8. Online: http://www.planung-neu-denken.de/content/section/10/63/#32007, Stand: 12.01.2008.
  • REIN, M. und SCHÖN, D. A. (1993): Reframing Policy Discourse. In: FISCHER, F. und FORESTER, J. (Hrsg.): The Argumentative turn in policy analysis and planning. Duke University Press, Durham, S. 145-166.

Facebook, “Atomkraft? Nein Danke!” und ich

So, es ist also wieder einmal so weit: Moral und Anstand im Umgang mit unserer Umwelt und uns selbst sind gefragt. Der Fair-Trade Bio Kaffee steht im Regal, im Keller das Fahrrad für meine Mobilitätsbedürfnisse. Milch und Butter kauf ich nur aus der Region, auch bei der Schokolade bin ich dran mich umzustellen.

Und dann das:

Facebook_atom

Unvorstellbar – einfach eiskalt erwischt.

Den Blick fixiert auf den gelben Sticker, mit seiner organgen Sonne bewege ich die Maus Richtung “Gefällt mir” und “Zur Anwendung”. Aber irgendwie will mein Zeigefinger nicht auf die Taste drücken. Langsam keimt in mir ein Verdacht. Moment, kann doch nicht sein. So inkonsequent bin ich doch nicht – oder?

Noch besteht Hoffnung und ich wühle nach den Unterlagen unseres Stromversorgers Vattenfall. Ein erster Blick auf die Website lässt nichts Gutes erahnen: Unter Hamburg Klassik Privatstrom entdecke ich die kundenprofil-gerechte Repräsentation meiner Person bei Vattenfall. Ein netter Herr mittleren Alters, der auf seiner Designer-Couch sitzt und sich über seine “Kostenlose Kundenbroschüre ‘Highlights’ mit exklusiven Vergünstigungen” informiert. Aber dieser Satz macht mir Hoffnung: Strom aus Kraft-Wärme-Kopplung plus Service rund um Ihr Zuhause. Das ist es: Kraft-Wärme-Kopplung – da hört man ja schon die Vogerl im Biomasse-Wald singen. Ich kann es aber nicht lassen, stochere noch etwas nach und finde letztlich einen Verweis mit dem schlichten Titel “Stromzusammensetzung”. Die singenden Vogerl meines fiktiven Biomasse-Walds im Ohr wartet dort aber eine inconvenient truth auch mich:

Meistromisdodeppad

5,4% des Stroms aus meinen Steckdosen deckt sich nicht mit meinem Präferenz-Profil*. Oder anders gesagt, mein Strom ist zu 5,4% böse**. Da schmeckt auch gleich der Fair-Trade Kaffee schaler und meine katholischen Gene sagen mir, dass auch jeder noch so mühsam getretene Fahrradkilometer mich nicht von diesen 5,4% befreien wird.

Um mich dem Facebook Gruppenzwang nicht gänzlich zu verschließen könnte ich es mal mit einer wirklich  österreichischen Lösung versuchen:

Atomkraft? Zu 94, 6% Nein danke!

Ich gebe aber zu, dass ich das wohl nicht in den Straßen skandieren und auf Hauswände sprühen werde. Vielleicht sollte ich doch bei meinem Mietsherren vorstellig werden und um grünen Strom betteln.

 

* … Das mit die glatten 70,0% Fossile auch nicht passen, verschweig ich mal.

** … OK – zu 75,4% klimaböse.

De Leit

Well … they say …

Who say?

They, sir. You know, they.

The same people who´re the „everyone“ in „everyone knows“? The people who live in „the community“?

Yes, sir. I suppose so, sir.

[…] Oh, them.

(Feet of Clay, Terry Pratchett)

Untätigkeit als eine erprobte Strategie – und warum man sich darüber nicht wundern sollte

In einem Artikel im Standard widmet sich der ehemalige Chef der UN-Umweltprogramms Klaus Töpfer dem Dauerthema eines verbindlichen internationalen Abkommens zur Klimapolitik. Cancun und das was dort (nicht) stattfinden wird, findet also auch seinen Weg in die Österreichische Medienlandschaft. Und das klingt dann so:

„Der Abschluss eines verbindlichen internationalem Abkommen ist aus Töpfers Sicht derzeit jedoch nicht absehbar. Der weltweit größte CO2-Emittent China habe zwar eingesehen, dass er seine Energieeffizienz deutlich steigern müsse und gehöre bei den erneuerbaren Energien bereits zu den führenden Nationen. Die Volksrepublik werde ihre Klimaziele aber „sicherlich nicht in eine völkerrechtlich verbindliche Vereinbarung einbringen“. Auch in den USA sei die notwendige Mehrheit für verbindliche und überprüfbare Klimaschutzzusagen nicht zu erwarten.“

Da denkt man sich doch, dass er natürlich Recht hat, der Herr Töpfer, mit dieser Einschätzung. Realistisch gesehen ist die Chance, dass sich China und Amistan bewegen werden sehr gering. Womit auch an dieser Stelle ein offen zutage liegender Gemeinplatz angebracht worden wäre.

Vermeintlicher Themensprung: Jared Diamond hat sich in seinem Buch “Collapse. How Societies Choose to Fail or Succeed” 2005 vor allem mit der Frage gesellschaftlichen Versagens bei der Anpassung an Veränderungen auseinandergesetzt. Was dieses Buch betrifft, teile ich die oftmals geäußerte Kritik an Diamonds “bio- bzw. geodeterministischer” Argumentation. Trotzdem musste ich beim Lesen des Artikels zur Sichtweise und Einschätzung von Töpfer an dieses Buch denken. Damit möchte ich jedoch nicht unter Verweis auf eine ethisch wünschenswerte Orientierung “der Politik” am Grundsatz des Gemeinwohls ein Lamento über die Reethisierung der internationalen Klimapolitik einleiten.

Vielmehr möchte ich an einem Punkt in Diamonds Buch anschließen: Wenn Gesellschaften ein Problem in ihrer Anpassung an Veränderungen erkennen ist dieses Problem kein naturwissenschaftliches mehr. Solche Probleme sind “soziale Probleme” und es wäre naiv zu glauben, dass deren Lösung in einer naturwissenschaftlich rationalen Diskussion über Ziele und Mittel zu deren Erreichung zu finden sind. Was Diamond in seinem Buch aufzeigt, ist dass eine mögliche Antwort auf solche soziale Probleme auch darin liegen kann keine Maßnahmen zu setzten. Eine solche “Untätigkeit” mag nun wenig befriedigend wirken, werden Strategien zur Begegnung von Problemlagen doch stets mit Aktivität, mit Entscheidungen verbunden. Aber gerade hier wird es spannend: Keine Maßnahmen zu setzen sollte nicht gleichgesetzt werden mit keine Entscheidungen zu treffen, oder ohne Strategie zu handeln. So wird “Untätigkeit” zur aktiven Entscheidung keine Maßnahmen zu setzen.

Analytisch gesehen kann somit auch “Untätigkeit” durch eine rationale Entscheidung begründet und legitimiert werden. Und dass diese Reaktion auf Veränderungen durchaus nicht ungebräuchlich war und ist verdeutlicht Diamonds Buch.

Als Konklusio verbleibt folgende Frage: Warum sollte man darüber erstaunt sein, dass “Untätigkeit” auch im Bereich der Klimapolitik das Ergebnis von Entscheidungen über Anpassungsfragen darstellt? Und warum wird mancherorts daran festgehalten, dass Fragen zur gesellschaftlichen Umgang mit dem Phänomen Klimawandel primär naturwissenschaftlicher und nicht sozialer Art seien?

Ein letzter Versuch die letztgenannte Frage anzugehen: Könnte es sich dabei Wunsch einer Vernaturwissenschaftlichung nicht um ein Umgehen der Beck´schen Risikogesellschaft handeln? In einer Beobachtung zweiter Ordnung ist es eben nicht nur beispielsweise das Ansteigen der Meeresspiegel, was einem zum Verhängnis werden kann. Es ist im gleichem Maß auch die Summe der dazu getroffenen Entscheidungen. Sich dieser “inconvenient truth” zu verschließen, hieße jedoch letztlich sich auch von einer Reflexion des eigenen Handelns zu verabschieden.

Bottled water – Or: The power of discourse (again)

Flipping through Garry Petersons´s blog on  Resilience Science I stumbled across the topic of bottled water. Watching “The story of bottled water” I felt a bit ashamed (yes I bought bottled water): Plastic made out of finite oil, waste tourism and the manipulation of society by economic interests:

After spending three minutes on a YouTube search I  felt better, when I found an environmentally sensitive spokesperson from Nestle, assuring me I did the right thing:

By the way, thanks Nestle for offering me water as “healthy alternative, with zero sugar, calories or caffeine”.

What astonishes me is the distance of just a few clicks between two very different discoursive positions and the space between them: the classical show off between eco- and business-talk. The heavy use of we-them narratives (le bien, le mal) to contrast oneself (good) with the opponent (bad) reminded me again of the power of frames produced in discourses:

„Framing is a way of selecting, organizing, interpreting, and making sense of a complex
reality to provide guideposts for knowing, analyzing, persuading and acting.”
(REIN und SCHÖN, 1993:146)

I think it would be interesting to analyze these two (maybe there are even more) discourses on how one makes sense out of bottled water. Especially how the opponents construct and legitimize their environmental stewardship, their different concepts of ‘source protection’ and how statistical data is used in these discourses.

Maybe an interesting way to push the classical discourse analytical approach in this case would be to incorporate the idea of a “post-modern” form of participation introduced by Renn and Schweizer (2009). By doing so, the knowledge of discourses and frames could be utilized in workshops with stakeholders – maybe from the ‘the story of stuff project’ and Nestle (?) – for an attempt to collectively reframe bottled water. Another setup would be to implement this ‘post-modern’ form of participation within a certain community, be it a thematic or geographical one.

Trying to set the results of discourse analytical research in such participatory processes could also change the picture of the researcher. Here the researcher is not understood as a consultant for instrumental solutions for given problems. He or she should rather take the position of a facilitator to new perspective on the topic at hand. This can lead to the empowerment of stakeholders for new approaches and solutions. Or as Foucault put it:

“My role – and that is too emphatic a word – is to show people that they are much freer
than they feel, that people accept as truth, as evidence, some themes which have been
built up at a certain moment during history, and that this so-called evidence can be criticized
and destroyed.” (FOUCAULT and MARTIN, 1988:9)


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p.s.: And congratulations to the inventors of the “eco-shaped bottle” 😉 I love this business-talk.